Abgekürztes Verfahren

Abgekürztes Verfahren

Das abgekürzte Verfahren im Verwaltungsstrafrecht ermöglicht es Behörden, geringfügige Verwaltungsübertretungen rasch und zugleich ohne umfassendes Ermittlungsverfahren zu ahnden. Zu diesen vereinfachten Verfahrensformen zählen insbesondere die Organstrafverfügung, die Anonymverfügung sowie die Strafverfügung. Sie kommen vor allem im Verkehrsrecht zur Anwendung, etwa bei Falschparken oder bei geringfügigen Geschwindigkeitsüberschreitungen, sodass eine effiziente Erledigung gewährleistet wird.

Gerade im abgekürzten Verfahren entscheidet daher eine rasche und strategisch durchdachte Reaktion über Erfolg oder finanzielle Mehrbelastung.

Abgekürztes Verfahren im Verwaltungsstrafrecht verständlich erklärt: Ablauf, Unterschiede und Einspruchsmöglichkeiten kompakt dargestellt.

Bedeutung im Verkehrsrecht

In der Praxis betrifft das abgekürzte Verfahren vor allem Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung StVO oder das Kraftfahrgesetz KFG. Typische Fälle sind:

Der Gesetzgeber verfolgt dabei ein klares Ziel: Einerseits sollen Behörden effizient arbeiten können, andererseits sollen geringfügige Verstöße ohne aufwendiges Verfahren erledigt werden.

Organstrafverfügung

Die Organstrafverfügung, kurz OV, ist somit der klassische Strafzettel. Besonders geschulte Organe der öffentlichen Aufsicht, insbesondere Polizeibeamte oder Parkraumüberwachungsorgane, dürfen daher bei geringfügigen Übertretungen unmittelbar eine Geldstrafe verhängen.

Rechtlich handelt es sich nicht um einen Bescheid, sondern um einen eigenständigen Rechtsakt eigener Art. Das hat wesentliche Konsequenzen für den Rechtsschutz.

Voraussetzungen

Eine Organstrafverfügung setzt voraus:

Das Organ muss eine entsprechende Ermächtigungsurkunde besitzen und diese auf Verlangen vorweisen.

Strafhöhe

Die Geldstrafe darf grundsätzlich höchstens € 90,00 betragen, sofern ein Materiengesetz keinen anderen Höchstbetrag vorsieht.

Inhalt der Organstrafverfügung

Eine Organstrafverfügung muss insbesondere enthalten:

Rechtsmittel und Folgen

Gegen eine Organstrafverfügung ist kein Rechtsmittel zulässig.

Zahlt der Betroffene nicht oder verweigert er die Entgegennahme, so wird die Organstrafverfügung gegenstandslos. In diesem Fall erstattet das Organ nämlich Anzeige an die zuständige Bezirksverwaltungsbehörde oder Landespolizeidirektion, sodass in weiterer Folge ein ordentliches Verfahren eingeleitet wird. Erst in diesem anschließenden Verfahren kann sich der Beschuldigte schließlich rechtfertigen.

Rechtsanwalt Peter Harlander Peter Harlander
Harlander & Partner Rechtsanwälte
„Das abgekürzte Verfahren wirkt unkompliziert, entscheidet jedoch oft über Fristen, Rechte und finanzielle Folgen. Wer hier unüberlegt handelt, verzichtet unter Umständen auf wirksame Verteidigungsmöglichkeiten.“

Anonymverfügung

Die Anonymverfügung, kurz AV, ist in § 49a VStG geregelt. Sie dient ebenfalls der raschen Erledigung geringfügiger Verwaltungsübertretungen.

Sie wird häufig bei automatisierter Verkehrsüberwachung eingesetzt, etwa bei Radarmessungen oder Section Control Anlagen.

Adressat

Die Anonymverfügung richtet sich typischerweise an den Zulassungsbesitzer des Fahrzeugs. Die Behörde geht davon aus, dass dieser den tatsächlichen Lenker kennt oder leicht feststellen kann.

Strafhöhe

Die Geldstrafe darf maximal € 365,00 betragen. Die konkret erfassten Tatbestände und Strafbeträge ergeben sich aus einer behördlichen Verordnung.

Inhalt

Die Anonymverfügung enthält:

Ein Rechtsmittel ist nicht vorgesehen.

Frist und Konsequenz

Der Strafbetrag muss binnen vier Wochen ab Ausfertigung bezahlt werden. Maßgeblich ist nicht die Zustellung, sondern das Ausfertigungsdatum.

Erfolgt keine fristgerechte Zahlung, wird die Anonymverfügung gegenstandslos. Die Behörde leitet dann ein ordentliches Verwaltungsstrafverfahren ein.

Strafverfügung

Die Strafverfügung ist im Gegensatz zur Organstrafverfügung und Anonymverfügung ein Bescheid.

Die Behörde kann eine Strafverfügung ohne vorheriges Ermittlungsverfahren erlassen, wenn bestimmte Voraussetzungen vorliegen, etwa:

Strafhöhe

Die Geldstrafe darf höchstens € 600,00 betragen. Zusätzlich kann eine Ersatzfreiheitsstrafe vorgesehen werden.

Inhalt

Eine Strafverfügung muss unter anderem enthalten:

Sie wird nachweislich zugestellt.

Einspruch gegen die Strafverfügung

Gegen eine Strafverfügung kann der Beschuldigte binnen zwei Wochen ab Zustellung Einspruch erheben.

Der Einspruch kann:

erfolgen. Ein bloßer leere Einspruch ist ausreichend, es genügt die Erklärung, dass man Einspruch erhebt.

Wird rechtzeitig Einspruch erhoben, tritt die Strafverfügung automatisch außer Kraft. Die Behörde muss ein ordentliches Verfahren durchführen.

Wichtig: Im anschließenden Verfahren darf keine höhere Strafe verhängt werden als in der Strafverfügung. Allerdings fallen zusätzliche Verfahrenskosten an.

Beraten statt Strafen

Seit 1. Jänner 2019 enthält das Gesetz den Grundsatz Beraten statt strafen.

Bei geringfügigen Übertretungen mit geringem Verschulden kann die Behörde:

Erfüllt der Betroffene diese Aufforderung, darf die Behörde keine weitere Verfolgungshandlung setzen.

Im Verkehrsrecht ist diese Bestimmung vor allem bei geringfügigen technischen Abweichungen relevant, sofern keine Gefährdung von Personen oder Sachgütern vorliegt.

Wichtige Besonderheiten

Für Organstrafverfügung und Anonymverfügung gilt:

Wird verspätet gezahlt, ist der Betrag entweder zurückzuzahlen oder auf eine später verhängte Strafe anzurechnen. Eine Wiedereinsetzung in den vorigen Stand ist ausgeschlossen.

Verfolgungshandlung

Eine Verfolgungshandlung ist jede behördliche Maßnahme, mit der die Behörde erkennbar gegen eine bestimmte Person wegen einer konkreten Verwaltungsübertretung vorgeht.

Entscheidend ist, dass sich die Handlung:

Typische Beispiele sind etwa die Einleitung des Ermittlungsverfahrens, die Aufforderung zur Rechtfertigung oder auch die Erlassung einer Strafverfügung.

Rechtlich ist die Verfolgungshandlung vor allem deshalb bedeutsam, weil sie für die Verjährung entscheidend ist: Mit ihr wird nämlich die Verfolgungsverjährung unterbrochen.

Die Verfolgungsverjährung bestimmt, wie lange die Behörde Zeit hat, eine Person wegen einer bestimmten Verwaltungsübertretung erstmals zu verfolgen.

Keine Verfolgungshandlung bei Organstrafverfügung und Anonymverfügung

Organstrafverfügungen und Anonymverfügungen gelten nicht als Verfolgungshandlungen, weil sie rechtlich keine Bescheide sind und noch kein formelles Verfahren gegen eine bestimmte Person einleiten.

Bei der Organstrafverfügung:

Bei der Anonymverfügung:

Beide Instrumente dienen der vereinfachten Erledigung. Erst wenn nicht bezahlt wird und die Behörde ein ordentliches Verfahren einleitet, setzt sie eine echte Verfolgungshandlung.

Häufig gestellte Fragen – FAQ

Zuletzt geändert: 23.10.2026
Autor Dr. Mariella Stubhann, MPM MBA
Beruf: Medieninhaberin, Chefredakteurin, Juristin
Gratis Erstgespräch: jetzt buchen
Dr. Mariella Stubhann, MPM MBA, ist Herausgeberin und Chefredakteurin von Finanz & Recht | Österreich. Ihre journalistischen Schwerpunkte liegen in den Bereichen Recht, Finanzen, Steuern und Soziales.

Die Redaktion

Dr. Mariella Stubhann MPM MBA Dr. Mariella Stubhann MPM MBA
Herausgeberin, Wirtschaftsjuristin
Finanzen, Steuern, Soziales
Rechtsanwalt Peter Harlander Mag. Peter Harlander
Herausgeber, Rechtsanwalt
Recht
Vertrag widerrufen