Gehalts-Geheimnisse vor dem Aus? Was die neue EU-Regel wirklich auslöst

Noch wirkt vieles ruhig. Doch hinter den Kulissen verändert sich gerade ein System, das jahrzehntelang als selbstverständlich galt. Gehälter, die bisher kaum jemand vergleichen konnte, könnten bald deutlich transparenter werden. Für Unternehmen bedeutet das eine stille, aber tiefgreifende Umstellung. Und für Beschäftigte entsteht eine völlig neue Ausgangslage, lesen Sie hier auf Finanz & Recht | Österreich.

Gehalts-Offenlegung durch EU-Richtlinie: Was sich ab 2026 ändert und warum Unternehmen jetzt unter Druck geraten.

Ein Ziel mit Sprengkraft

Bis Juni 2026 müssen alle EU-Staaten eine neue Richtlinie umsetzen, die ein klares Ziel verfolgt: gleiche Bezahlung für gleiche oder gleichwertige Arbeit. Was einfach klingt, hat es in sich.

Denn künftig reicht es nicht mehr, Gehälter individuell festzulegen. Unternehmen müssen nachvollziehbare Strukturen schaffen, die objektiv erklären, warum jemand mehr oder weniger verdient. Dabei zählen vor allem Kriterien wie Qualifikation, Verantwortung, Belastung und Arbeitsbedingungen.

Genau hier beginnt die eigentliche Herausforderung. Denn viele Unterschiede, die bisher stillschweigend akzeptiert wurden, müssen plötzlich begründet werden.

Rechtsanwalt Peter Harlander Peter Harlander
Harlander & Partner Rechtsanwälte
„Transparenz bei Gehältern ist kein Angriff auf Unternehmen, sondern ein notwendiger Schritt zu fairen und nachvollziehbaren Arbeitsbedingungen“

Bewerbungen werden transparenter als je zuvor

Schon beim ersten Kontakt verändert sich vieles. Unternehmen müssen künftig offenlegen, welches Gehalt für eine Stelle vorgesehen ist. Diese Information muss spätestens vor dem Bewerbungsgespräch vorliegen.

In Österreich gibt es zwar bereits eine Pflicht zur Angabe eines Mindestgehalts. Doch die neue Richtlinie könnte darüber hinausgehen. Es entsteht ein klareres Bild davon, was eine Position tatsächlich wert ist.

Gleichzeitig verschwindet eine bisher übliche Praxis: Fragen nach früheren Gehältern sollen keine Rolle mehr spielen. Damit fällt ein wichtiger Hebel weg, mit dem Gehälter oft indirekt gedrückt wurden.

Ein neues Recht sorgt für Druck im System

Noch brisanter ist das Auskunftsrecht für Beschäftigte. Künftig kann jeder erfahren, wie hoch das Durchschnittsgehalt in einer vergleichbaren Gruppe ist, getrennt nach Geschlecht.

Diese Information muss innerhalb von zwei Monaten schriftlich bereitgestellt werden.

Das verändert die Dynamik im Unternehmen grundlegend. Denn Gehaltsunterschiede bleiben nicht länger unsichtbar. Sie werden messbar und vergleichbar.

Wenn Zahlen plötzlich öffentlich werden

Ein weiterer Punkt sorgt für besondere Aufmerksamkeit: Unternehmen müssen regelmäßig Berichte über ihre Gehaltsstrukturen erstellen.

Je nach Größe gelten unterschiedliche Fristen:

Diese Berichte werden nicht nur intern genutzt. Sie gehen an eine Überwachungsstelle, die die Ergebnisse veröffentlicht.

Damit entsteht ein völlig neues Maß an Transparenz. Allerdings haben die Zahlen eine Schwäche. Sie zeigen nur Unterschiede, nicht deren Gründe. Genau das könnte für Diskussionen sorgen.

Die kritische Grenze liegt bei fünf Prozent

Besonders spannend wird es, wenn Gehaltsunterschiede eine bestimmte Schwelle überschreiten. Liegt die Differenz bei mehr als fünf Prozent, müssen Unternehmen reagieren.

Dann gibt es nur drei Möglichkeiten:

Diese Analyse kann weitreichende Folgen haben. Sie reicht von Gehaltserhöhungen bis hin zu komplett neuen Vergütungssystemen. Auch Schulungen und interne Richtlinien können notwendig werden.

Unternehmen stehen vor einer stillen Vorbereitung

Obwohl noch kein endgültiges Gesetz vorliegt, laufen die Vorbereitungen bereits. Viele Unternehmen beginnen damit, ihre Gehaltsstrukturen intern zu prüfen.

Dabei zeigt sich schnell, wo mögliche Risiken liegen. Besonders relevant sind Unterschiede innerhalb derselben Tätigkeitsgruppen.

Ergibt sich eine Abweichung von mehr als fünf Prozent, stellt sich sofort die Frage nach der Begründung. Ist diese nicht klar, müssen Lösungen gefunden werden.

Die eigentliche Veränderung kommt erst noch

Aktuell fehlt in Österreich noch ein konkreter Gesetzesentwurf. Dieser wird frühestens im Frühjahr 2026 erwartet. Doch die Richtung steht längst fest.

Die neue EU-Richtlinie verändert nicht nur Regeln. Sie verändert Erwartungen. Transparenz wird zur Norm, während Intransparenz zum Risiko wird.

Was heute noch wie eine technische Anpassung wirkt, könnte schon bald zu einem der größten Umbrüche im Arbeitsmarkt führen.

Zuletzt geändert: 10.06.2026
Autor Dr. Mariella Stubhann, MPM MBA
Beruf: Medieninhaberin, Chefredakteurin, Juristin
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Dr. Mariella Stubhann, MPM MBA, ist Herausgeberin und Chefredakteurin von Finanz & Recht | Österreich. Ihre journalistischen Schwerpunkte liegen in den Bereichen Recht, Finanzen, Steuern und Soziales.

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